Die Home-Office Lüge

Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden: Den aktuell geradezu hysterisch betriebenen Ausbau von Home-Offices halte ich für falsch und glaube, dass das Thema als einer der großen Managementfehler in die Geschichte eingehen wird. Denken Sie jetzt: Home-Office? Das ist doch die Zukunft!

 

Bis hierhin: Die Corona-Krise hat viele Führungskräfte realisieren lassen, wie viel technisch möglich und nicht zwangsläufig immer teuer ist. Vielen Entscheidern war dies gar nicht klar, weil sie sich neuen Instrumenten bisher verweigert hatten. Immerhin haben 45 Prozent der Firmen mit mehr als 100 Beschäftigten kurzfristig investiert, um das mobile Arbeiten zu ermöglichen, zeigt eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW unter fast 1.800 europäischen Unternehmen. Und dann kam die Überraschung: Die Mitarbeiter machten all dies mit, die Produktivität blieb relativ stabil und gleichzeitig entstand eine neue Lockerheit im Umgang mit digitalen Lösungen. 

 

Plötzlich wird das Home-Office von allen Seiten gehyped. Das Handelsblatt zitiert am 9. August 2020 den Allianz-Vorstand Christof Mascher, dass die Allianz erwarte, dass längerfristig bis zu 40 Prozent der Mitarbeiter von zu Hause arbeiten werden, möglich sei aber auch eine höhere Zahl. Der Deutschlandchef der Unternehmensberatung Bain & Company, Walter Sinn, geht davon aus, dass künftig 20 bis 30 Prozent der Büroarbeitsplätze in Deutschland überflüssig werden. Nach Berechnungen der Berater könnten in den nächsten fünf bis sieben Jahren zwischen drei und fünf Millionen Beschäftigte ihren Arbeitsplatz aus dem Firmenbüro wegverlagern. CNN zählte am 2. August auf, welche Firmen nach eigenen Angaben nur noch eingeschränkt bis gar nicht mehr zu den bewährten Verwaltungszentralen zurückgehen würden, darunter Google, Sony Music, Amazon, Indeed sowie Facebook, Twitter und Slack. Laut einer Studie des Münchner Ifo-Instituts wollen 54 Prozent aller deutschen Unternehmen Home-Office und mobiles Arbeiten stärker ausbauen. Manches davon mag Coolness-PR sein. Denn New Work war eines der Management-Buzzwords des Jahres 2019 und mit den durch Corona aufgedrängten Investitionen ist manches Unternehmen nun auch in der Lage, neue Arbeitsmodelle auszuprobieren.

 

Scheinbar glauben derzeit sehr viele Manager, weil das mobile Arbeiten so gut funktioniert, werde es nach der Corona-Krise nicht nur EIN Bestandteil der Arbeit sein – sondern der Hauptbestandteil: Home Office soll das New Normal werden. Doch die Folgen einer Steigerung der Home Office-Quote auf 50 Prozent oder mehr werden erheblich sein.

 

Hier sind meine Prognosen. Allen voraus:

 

Home-Office zerstört die Motivation

 

Konzentriertes Arbeiten in einer ruhigen Umgebung schätzen wohl alle mitunter. Doch das allein darf es nicht gewesen sein! Studien belegen, dass mangelhafte Kommunikation der größte Zerstörer von Motivation ist. Und dafür besteht im Home-Office ein riesengroßes Risiko, weil eben nicht zwischendurch nachgefragt wird, ob alles gut läuft. Weil dezentral aufgestellte Führungskräfte oft den Fokus auf Mitarbeiterkommunikation verlieren – zumindest auf diejenige, die nicht unmittelbar an Ziele und Projekte gebunden ist. Weil fehlende Fürsorge durch Vorgesetzte allzu oft als Geringschätzung gewertet wird. Weil sich fernab des Arbeitgebers, katalysiert durch raren Austausch leicht Befürchtungen und Zukunftsängste aufbauen, bis hin zur Arbeitsplatzunsicherheit. Weil das Gefühl für angemessenen Druck für verschiedene Aufgaben verloren geht. Weil von der Arbeit durch das private Umfeld erst abgelenkt und die Arbeitsatmosphäre so belastet wird. Weil am Ende oft völlig unterschiedliche Kriterien für die zu erwartende Aufgabenfülle und Ergebniserzielung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer herangezogen werden, die hinterher kaum noch in Übereinstimmung zu bringen sind.

 

Home-Office schadet der Gesundheit

 

Schon jetzt gibt es Ärzte-Warnungen in Sachen Rückenschmerzen dank Laptop-Arbeit am Küchentisch oder auf dem Sofa. Bei einer Umfrage von Civey gaben 33 Prozent der Befragten an, unter vermehrten Rückenschmerzen zu leiden, seit sie von daheim arbeiten. Viele Menschen haben eben keinen designierten Platz für Arbeit am Bildschirm, knochenschonenden Stuhl eingeschlossen. Wir werden sehen, dass auch hier Arbeitgeber aushelfen werden, getrieben von Betriebsräten wird es Finanzierungsprogramme geben. Nur: Sehr viele haben gar keinen Platz in ihrer Wohnung für Schreibtisch, ergonomischen Stuhl und großen Bildschirm. Hinzu kommen die psychischen Probleme. 

 

 Home-Office schadet der Karriere

 

 Wer Karriere machen möchte, braucht mehr als gute Leistung. Er muss sich vernetzen, das Unternehmen begreifen und natürlich auch Vorgesetzten positiv auffallen. Doch wie soll ein Vorgesetzter einen Mitarbeiter beurteilen, den er nur vorm Bildschirm kennt? Auch, wenn vieles möglich ist, so wird doch meistens derjenige bevorzugt, der durch Präsenz und persönliches Auftreten – eben vertrauensbildend – auffällt. 

Mitarbeiter im Home-Office binden und rekrutieren – ein sicheres Desaster

Wie sollen Führungskräfte handeln, wenn das Personal wechselt? Wie soll ein neuer Mitarbeiter in ein Teamgefüge integriert werden, wenn über die Hälfte seiner Kollegen – oder im Extremfall alle – nur digital zu sprechen sind? Wie soll der Neue ein Gefühl dafür entwickeln, wem er vertrauen kann, wer zuverlässig ist und wer nicht?

 

Home-Office schadet der Unternehmenskultur 

 

Je cleaner und anonymer Arbeitsräume gestaltet werden, desto weniger persönlich sind sie folglich für den einzelnen Mitarbeiter eingerichtet. Doch nicht nur die Umgebung wird unpersönlicher: Wer sich in einem sterilen Umfeld bewegt, kann sich auch nicht durch Persönlichkeitsmerkmale in Form von Bildern, Erinnerungen an die private Geschichte entfalten. Dabei ist gerade jetzt das Bedürfnis nach Individualisierung und Identifikation stärker denn je. Nicht zu vergessen sind Gemeinschaftsräume als Orte der Vernetzung. Mit steigendem Anteil der Heimarbeit werden sich Abteilungen und Teams isolieren, Unternehmen werden sich parzellieren und dadurch ineffizienter werden. 

 

Was kann nun die Lösung sein?

 

Derzeit befinden wir uns in einer Ausnahmesituation. Jeder sollte Home-Office ermöglichen, kennen und machen können. Sobald wir aber wieder ohne Hygienepläne arbeiten können, sollten Arbeitgeber ihre Mitarbeiter nicht ins Home-Office drängen – sondern sie dort herausreißen, zusammenführen und die Gemeinschaft feiern. Ich spreche nicht wieder vom Abschaffen, nein! Doch für ein gutes Miteinander, das Loyalität im Team fördert und eine gesunde Unternehmenskultur erlaubt, sollte das Home Office höchstens rollierend verpflichtend werden und ansonsten das bleiben, wofür es gut ist: Eine flexible Ausweichlösung, um weiteren Verpflichtungen, unserer heute gelebten Gesellschaftskultur und der persönlichen Vereinbarkeit von Beruf und Familie (Privatem) gerecht zu werden.

All Rights by Miriam Engel


Miriam Engel ist Kommunikationswirtin, Marketingkauffrau, HR-Beraterin, Autorin, Trainerin und Rednerin. Sie beschäftig sich mit loyalem Führen, Mentoring sowie zeitgemäßen und mitarbeitergerechten Recruiting und Onboarding-Prozessen.

 

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